• 17.04.2022 23:59

Im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise stehen derzeit viele offene Fragen zur Gasversorgung, aber auch zur Elektrizitätsversorgung im Raum: Wie viel russisches Gas wird in Flawil geliefert, wie steht es um unsere Versorgungssicherheit, wie entwickeln sich die Preise. Wir versorgen Sie mit aktuellen Informationen und versuchen, die brennendsten Fragen zu beantworten.

Haben wir russisches Gas in Flawil?

Wir kaufen unser Gas gemeinsam mit fünf Ostschweizer Gasversorgungsunternehmen (GVU) ausschliesslich am europäischen Grosshandelsmarkt, primär in Deutschland. Direkte russische Handelspartner haben wir kaum. Zudem haben wir russische Händler mit Beginn des Krieges als Gegenparteien gesperrt. Jedoch beträgt der Anteil an russischem Gas am deutschen Markt rund 50 Prozent. Auch an den anderen Handelspunkten wie Frankreich und Italien sind grosse Mengen aus russischer Herkunft. Wir müssen daher davon ausgehen, dass auch im Flawiler Gas ein grosser Anteil an russischem Gas enthalten ist.

Gibt es Alternativen zum europäischen Gas-Mix?

Sie können Ihren individuellen Anteil an Biogas erhöhen. Unser Biogas stammt zur Hälfte aus der Schweiz, zur anderen Hälfte aus den Niederlanden. Dies wird über Herkunftsnachweissysteme sichergestellt. Je gefragter Biogas ist, desto stärker wird dessen Produktion ausgebaut. Mit jeder weiteren Biogasanlage in der Schweiz wird die Gasversorgung erneuerbar und zusätzlich unabhängiger von Gasimporten.

Warum stoppt Europa den Gasbezug aus Russland nicht?

Gas ist in Europa ein sehr wichtiger Energieträger für die Wirtschaft und auch die Gesellschaft (rund 25 Prozent des Primärenergieverbrauchs). Viele Produktionsprozesse erfordern hohe Temperaturen, welche mit Gas zuverlässig und wirtschaftlich realisiert werden können. Im Bereich der Raumwärme und Heizungen ist dies genauso der Fall. Hinzu kommt ein grosser Anteil an Strom, der gesamteuropäisch mit Gas produziert wird. Ein Importstopp für Gas wäre mit enormen Konsequenzen für Wirtschaft und Gesellschaft verbunden, welche nicht über längere Zeit tragbar wären.

Warum stoppt die Schweiz den Gasbezug aus Russland nicht?

Die Schweiz hat im Vergleich mit den umliegenden Ländern einen kleineren Gasbedarf (rund 15 Prozent des Primärenergieverbrauchs). Wie wir selber auch, beschaffen die schweizer GVU an den Westeuropäischen Grosshandelsmärkten. Grosse, langfristige Importverträge mit Gasproduzenten sind keine vorhanden. Nur über solche wäre es möglich, die Herkunft des Gases zu steuern. Kurzfristig ist es daher nicht möglich, den Import von russischem Gas zu verhindern.

Besteht die Möglichkeit, dass es plötzliche kein Gas mehr gibt?

Bis heute gibt es keine konkreten Anzeichen für eine Reduktion der Liefermengen und Kapazitäten in der Schweizer Gasversorgung. Käme es zu einer solchen Reduktion ist davon auszugehen, dass zuerst die Zweistoffkunden abgestellt und Spar-Appelle an die Wirtschaft und Bevölkerung gerichtet werden. Zweistoffkunden haben die Möglichkeit, auf alternative Brennstoffe umzustellen. Besitzer solcher Anlagen in Flawil und Degersheim wurden bereits sensibilisiert. Wirtschaft und Bevölkerung haben teilweise ähnliche Möglichkeiten, oder können über die gewählte Raumtemperatur den Gasbezug beeinflussen. Sollte dies nicht ausreichen, wird das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung weitere Massnahmen beschliessen.

Werden jetzt die Gaspreise erhöht?

Unsere risikominimierende Beschaffungsstrategie erfordert die restlose Eindeckung des geplanten Absatzes, bevor wir in Lieferung gehen. Entsprechend haben wir das ganze Gas für das Jahr 2022 bereits vor dem 31.12.2021 eingekauft. Dadurch sollten wir die derzeit geltenden Preise bis zum Ende des Jahres halten können.

Ein Restrisiko besteht immer. Wenn beispielsweise kaltes Wetter einen höheren Gasbezug zur Folge hat, muss dieses zu den aktuell sehr hohen Preisen nachgekauft werden. Oder wenn einer der Lieferanten aufgrund der aktuellen Lage nicht mehr liefern kann, muss auch hier eine Ersatzbeschaffung erfolgen. Wenn es sich dabei um grössere Mengen handelt, ist eine Tariferhöhung zur Deckung der Zusatzkosten denkbar.

Wie geht es mit den Gaspreisen weiter?

Unsere langfristig ausgerichtete Beschaffungsstrategie erfordert die Eindeckung von drei Frontjahren. Wir kaufen also heute bereits für 2023, 2024 und 2025 ein. Entsprechend kaufen wir heute sehr teures Gas, welches in den nächsten drei Jahres ausgeliefert wird. So lassen sich extreme Marktveränderungen, wie wir sie aktuell erleben, glätten und über eine längere Zeit verteilen.

Bei den aktuellen Marktkonditionen ist absehbar, dass unsere Gaspreise in den nächsten zwei Jahre stark ansteigen. Eine belastbare Aussage zur konkreten Preiserhöhung ist wegen der ungewissen Lage nicht möglich. Langfristige Preisentwicklungen lassen eine Entspannung der Situation ab 2026 erhoffen. Aber auch hier ist massgebend, wie es in der Ukraine und in der EU mit den russischen Gaslieferungen weitergeht.

Hat das alles einen Einfluss auf unsere Stromversorgung?

Die Stromversorgung in Europa ist von den russischen Energieträgern Öl, Gas, Kohle und Uran abhängig. Nebst dem Gas liefert Russland beispielsweise rund 55 Prozent der Steinkohle für die deutschen Kohlekraftwerke. Ein Teil des Urans, welches die schweizer Atomkraftwerke antreibt, stammt ebenfalls aus Russland. Entsprechend haben Eingriffe in Russlands Lieferungen von Öl, Gas, Kohle und Uran einen Einfluss auf die Stromproduktion in Europa.

Gemäss Bundesamt für Energie (BFE) ist die Stromversorgung im Winter 2021/2022 gesichert. Auch hier bleibt ein Restrisiko, welches mit dem Wetter oder weiteren politischen (Sanktionen) oder kriegerischen (Zerstörung kritischer Infrastruktur) Massnahmen verbunden ist. Das BFE beobachtet die Situation gemeinsam mit der Elektrizitätskommission (ElCom) und dem Bundesamt für wirtschaftlichen Landesversorgung (BWL) sowie der nationalen Netzgesellschaft Swissgrid. Bei Veränderung der Lage wird die Information durch die zuständigen nationalen Ämter frühzeitig erfolgen.

Kann die Schweiz ihren eigenen Strom unabhängig vom Ausland produzieren?

Ja, das kann sie und ist die zentrale Bestrebung der Energiestrategie 2050 des Bundes und auch der Schweizer Elektrizitätswirtschaft. Dazu braucht es jedoch den Beitrag aller Schweizer Stromkonsumentinnen und –konsumenten, indem sie und er erneuerbaren Strom bestellen, sich an dessen Produktion beteiligen, oder diesen direkt in der eigenen Photovoltaikanlage oder im eigenen Blockheizkraftwerk produzieren. Je grösser dieser Beitrag ist, desto schneller erreichen wir unser gemeinsames Ziel einer unabhängigen Schweizer Stromwirtschaft.