Am Mittwoch, 29. Juni 2022 hat der Bundesrat an seiner Medienkonferenz über die Stärkung der Gas-Beschaffung für den kommenden Winter 2022/2023 informiert. Viele der Massnahmen waren bereits bekannt und innerhalb der Branche in Vorbereitung. Die meisten Massnahmen bleiben für die Gas- und Strom-Bezügerinnen und -Bezüger unsichtbar, werden aber den Gas- und Strompreis beeinflussen. Die Vorbereitungen für den Worst Case, welcher uns alle betrifft, eine europäische Gasmangellage, laufen noch bis Ende August weiter.
Die Situation verschärft sich weiter
Die Gasflüsse aus Russland in die EU haben in den letzten Monaten stetig abgenommen und machen derzeit nur noch rund 15 Prozent der Gasimporte der EU aus (2016 waren es rund 40%). Gründe dafür sind neben der sinkenden Nachfrage nach russischem Gas auch die von Russland seit Mitte Juni 2022 gedrosselten Lieferungen über die «Nord Stream 1»-Pipeline. Für weitere Anspannung sorgt der Ausfall des zweitgrössten LNG-Terminals in den USA, welches seit Anfang Juni 2022 wegen eines Brandes ausfällt. Von dort sollte Europa mit grossen Mengen flüssigem Erdgas (liquefied natural gas, LNG) versorgt werden, um die Abhängigkeit von Russland zu reduzieren. Der Plan der EU, die grossen Gasspeicher vor Beginn der Heizsaison zu füllen, geht unter diesen Voraussetzungen nicht mehr auf. Deutschland wollte bis 1. Oktober 2022 seine Gasspeicher zu 80%, bis 1. November 2022 sogar 90% befüllen. Dies scheint aktuell nicht mehr machbar. Im Zusammenhang mit diesen Ereignissen hat der deutsche Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck die zweite Warnstufe des Notfallplans Gas, die sogenannte Alarmstufe ausgerufen. «Gas ist von nun an ein knappes Gut in Deutschland» sagte Habek in Berlin. Die Versorgungssicherheit sei gewährleistet, aber die Lage angespannt.
Wie ist die Schweiz davon betroffen
Die Schweiz hat keine eigenen Gasspeicher und ist daher vollständig auf Importe angewiesen. Bis zu drei Viertel der Gaslieferungen in die Schweiz erfolgen via Deutschland. Von Gasengpässen in der EU und insbesondere in Deutschland wäre deshalb auch die Schweiz betroffen. Können die Speicher in der EU und insbesondere in Deutschland nicht entsprechend den Plänen gefüllt werden, lässt sich eine Mangellage im kommenden Winter 2022/2023 nicht ausschliessen.
Branche schlägt Winter-Gasreserve zur Stärkung der Versorgungssicherheit vor
In enger Zusammenarbeit zwischen der Gasbranche und den zuständigen Bundesämtern ist in den letzten Monaten ein Konzept zur Verbesserung der Situation geschaffen worden. Der Bundesrat hat die finalisierte Version an seiner Sitzung vom 29. Juni 2022 zur Kenntnis genommen und die fünf Regionalgesellschaften Erdgas Ostschweiz AG (EGO), Gasverbund Mittelland AG (GVM), Gaznat SA, Erdgas Zentralschweiz AG (EGZ) und Aziende Industriali di Lugano SA (AIL) zur Umsetzung verpflichtet. Das Konzept beinhaltete zwei Massnahmen: Einerseits die Einrichtung einer physischen Gasreserve in Gasspeichern der Nachbarländer. Diese soll 15% (rund 6 TWh) des jährlichen Gasverbrauchs der Schweiz von rund 35 TWh abdecken. Die Schweiz trägt damit im gleichen Mass zur Füllung der europäischen Speicher bei, wie es die übrigen EU-Staaten ebenfalls tun. Ergänzt wird dies durch die zweite Massnahme in Form der Beschaffung von Optionen für zusätzliche nicht-russische Gaslieferungen in Höhe von 6 TWh (rund 20% des Schweizer Winterverbrauchs), die bei Bedarf kurzfristig abgerufen werden können. Gemäss Medienmitteilung des Verbandes der Schweizerischen Gasindustrie wird dies die Folgen eines allfälligen Ausfalls russischer Gaslieferungen minimieren, bietet jedoch keine absoluten Garantien für eine unterbruchsfreie Versorgung.
Weiterführende Massnahmen auf Bundesebene
Parallel zur Beschaffung der Winter-Gasreserve laufen beim Bund die Gespräche und Sondierungsarbeiten für Abkommen mit den Nachbarstaaten, damit in einer Mangellage weiterhin Gas in die Schweiz gelangt. Erste Verhandlungen mit Deutschland haben im Juni 2022 stattgefunden. Das UVEK (BFE) prüft in Zusammenarbeit mit dem WBF (BWL), wie der Aufbau von Gasspeicherkapazitäten in der Schweiz gefördert werden kann. Erste Erkenntnisse sind bis Ende August 2022 zu erwarten, werden aber für die Verbesserung der Versorgungslage im Winter 2022/2023 kaum relevant sein. Im Rahmen von laufenden Arbeiten zur Energieeffizienz bereitet das UVEK (BFE) derzeit eine schweizweite Sparkampagne vor. Die Kampagne soll für die Bevölkerung und Wirtschaft einfach und rasch umzusetzende Energiesparmassnahmen vermitteln. Dies ist jetzt wichtig, da jede gesparte Kilowattstunde Gas in einem europäischen Speicher für den kommenden Winter gesichert werden kann.
Vorbereitungen auf eine mögliche Gas- oder Strommangellage
Neben den bereits eingeleiteten Vorkehrungen zur Vorbeugung von Mangellagen bereitet sich der Bund, Kantone und die Energiebranche auf eine mögliche Gas- oder Strommangellage vor. Auch im Strombereich ist in der Schweiz die Wahrscheinlichkeit einer Mangellage gestiegen. Gründe dafür sind die schwierigen Situationen bei den Kernkraftwerken in Frankreich (viele Ausserbetriebnahmen infolge Sicherheitsprüfungen). Hinzu kommt, dass über ein Viertel der europäischen Stromproduktion aus Gas stammt. Bei einer Gasmangellage ist unklar, ob dieser Anteil am europäischen Strommix noch zur Verfügung steht. Hinzu kommen die aktuell prognostizierten Zuflüsse in Schweizer Speicherseen, die unter der Norm ausfallen.
Einer möglichen Gasmangellage will der Bund mit verschiedenen Massnahmen begegnen. Bei einer drohenden Mangellage werden mit einer Informationskampagne des Bundes und der Gasbranche Sparappelle an alle Erdgasverbraucher gerichtet. Mit Empfehlungen und Ratschlägen soll der Verbrauch von Erdgas deutlich reduziert werden. Gleichzeitig würden die Zweistoffkunden auf Heizöl umgeschaltet. Sogenannte Zweistoffanlagen können sowohl mit Erdgas als auch Heizöl betrieben werden. Der Bundesrat appelliert an die Betreiber von Zweistoffanlagen, trotz der hohen Preise jetzt ihre Heizöltanks zu füllen.
Wenn Sparappelle und angeordnete Umschaltungen eine drohende Gasmangellage nicht abwenden können, soll der Erdgasverbrauch kontingentiert werden. Davon sind in einem ersten Schritt alle Anlagen betroffen, die nicht zur Kategorie Anlagen von geschützten Verbrauchern zählen. Zu den geschützten Verbrauchern zählen insbesondere Haushalte, die an ein Erdgasverteilnetz zur Wärmeversorgung angeschlossen sind sowie grundlegende soziale Dienste ausserhalb der Bereichen Bildung und öffentliche Verwaltung. Das WBF überarbeitet derzeit das Kontingentierungskonzept der Wirtschaftlichen Landesversorgung (WL) unter Konsultation der Industrie und wird dieses dem Bundesrat Ende August 2022 vorlegen.
Krisenorganisation
Bereits im letzten Dezember wurde - aufgrund der angespannten geopolitischen Lage - eine Krisenorganisation eingesetzt, die auf den Strommarkt fokussiert war. Im Laufe der letzten Monate wurde der Fokus auf die Gaslage erweitert. Der Bundesrat hält in seiner Medienmitteilung fest, dass aufgrund der Entwicklung der Energiemärkte sich starke gegenseitige Abhängigkeiten zwischen den Energieträgern Strom, Erdgas und Erdöl zeigen, was eine ganzheitliche Betrachtung verlangt. Auf politischer Ebene wird eine Krisenorganisation aufgebaut, welche die Koordination zwischen Bund und Kantonen, die Beurteilung der Lage auf politischer und strategischer Stufe, die Beurteilung des Handlungsbedarfs und die Vorberatung der Entscheide des Bundesrates zur Aufgabe hat.
Mit dem neu geformten Steuerungsausschuss und der Krisenorganisation verfügt der Bundesrat bereits heute über eine Krisenstruktur, die jederzeit angepasst und erweitert werden kann. Die operative Umsetzung der Beschlüsse des Bundesrates in einer Mangellage erfolgt im Strombereich durch die OSTRAL, die Organisation für Stromversorgung in Ausserordentlichen Lagen. Diese besteht und wird beim Eintreten einer Strommangellage auf Anweisung der WL aktiv. Im Gasbereich hat der Bundesrat den VSG im Mai 2022 beauftragt, für die technische Umsetzung der Beschlüsse des Bundesrates eine operative Krisenorganisation (KIO) zu bilden sowie ein Konzept für ein Monitoring im Gasbereich auszuarbeiten. Die Arbeiten dazu laufen.
Wie geht es weiter - Was machen die TBF
Wir konzentrieren uns weiterhin auf die zuverlässige Energie- und Wasserversorgung in Flawil und unseren Versorgungsgebieten. Als Teil der Strom- und Gasbranche bereiten wir uns, wie oben beschrieben, so gut wie möglich auf den bevorstehenden Winter 2022/2023 vor. In der Gasbeschaffung werden die vorhandenen und wirtschaftlich tragbaren Möglichkeiten zur Diversifizierung der Gasherkunft und der Transportwege genutzt. Mit der Berücksichtigung neuer Marktgebiete soll die Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen weiter verkleinert werden. Über unsere gut gepflegten Kanäle in der Branche und den Verbänden besorgen wir uns aktuelle Informationen und geben diese an Sie, unsere Kundinnen und Kunden, weiter.
Gerne stehen wir Ihnen für Fragen und/oder Beratungen im Zusammenhang mit der aktuellen Situation auch individuell, per Telefon oder vor Ort im direkten Gespräch zur Verfügung.
Geschäftsführer
Leiter Markt & Kunden
Projektleiter Energiewirtschaft
Projektleiter Energiewirtschaft
Energieberater
Energiedatenmanagement
Weiterführende Informationen (Links auf entsprechende Webseiten, Medienmitteilungen und Dokumente)
Bund
- Medienmitteilung des Bundesrates vom 29. Juni 2022
- Faktenblatt Massnahmen Stärkung Versorgungssicherheit
- Organisation Versorgungssicherheit Energie 2022ff
- Faktenblatt Mangellage im Erdgasbereich
- Faktenblatt Mangellage im Strombereich
Bundesamt für Energie BfE
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Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung
- Aktuelle Versorgungslage (wird regelmässig aktualisiert)
- Erdgas - Sparappell - Umschaltungen - Kontingentierung
- Strom - Sparappell - Umschaltungen - Kontingentierung
Verband der Schweizerischen Gasindustrie
- Medienmitteilung des Verbandes zur Sicherung Winterversorgung 2022/2023
- Detailkonzept der Task Force zuhanden des Bundesrates vom 27. Juni 2022